Eine starke Stimme für Selbstbestimmung und Menschenrechte ist verstummt
Die Selbstbestimmt Leben Initiative Österreich (SLIÖ) trauert um ihre Mitbegründerin und langjährige Obfrau Bernadette Feuerstein.
Mit Bernadette verlieren wir einen außergewöhnlichen Menschen. Wir verlieren eine Freundin, eine Weggefährtin und eine unermüdliche Kämpferin für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Ihr Ableben hinterlässt eine große Lücke nicht nur in der österreichischen Behindertenbewegung, sondern auch bei den vielen Menschen, die sie mit ihrer Haltung, ihrer Menschlichkeit und ihrem Vertrauen geprägt hat.
Wer mit Bernadette zusammenarbeitete wusste: Mit ihr geht etwas weiter. Sie verfügte über viel Wissen und Erfahrung in behindertenpolitischen Fragen und hatte den Mut, in den entscheidenden Momenten kompromisslos für die Rechte von Menschen mit Behinderungen einzustehen. Das machte sie in der Community der Menschen mit Behinderungen wohl einzigartig. Mit ihrem feinen Humor gelang es ihr, Zuversicht zu vermitteln und ihre Mitstreiter:innen zu bestärken. Sie war eine Kollegin die Orientierung gab, Wissen großzügig teilte und Menschen ermutigte Verantwortung zu übernehmen.
Geboren wurde Bernadette Feuerstein 1959 in Wien. Im Kindesalter erhielt sie die Diagnose „Spinale Muskelatrophie“. 1978 maturierte sie und studierte Soziologie an der Universität Wien.
Schon früh entschied sie sich, ihr Leben dem Einsatz für die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu widmen. Ab zirka 1981 war sie eine prägende Stimme der österreichischen Behindertenbewegung. Dabei war sie nie jemand, der laut sein musste, um gehört zu werden. Ihre Argumente waren fundiert, ihre Werthaltungen klar und ihr Ziel stets unverrückbar: eine Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderungen selbstbestimmt leben können.
Stets an Ihrer Seite über viele Jahrzehnte war Bernhard, ihr Lebensgefährte. Die beiden waren ein wunderbares Paar. Seelisch verbunden haben sie einander vorbildhaft beigestanden, in den schönsten und den schwierigsten Stunden. Ihre Verbindung gekrönt hat die Geburt ihrer gemeinsamen Tochter im Jahr 2002 und Bernadette nahm als Mutter die für sie wichtigste Lebensrolle ein. Gemeinsam mit ihrem Bernhard gestaltete sie ihr Familienleben mit Unterstützung von Persönlicher Assistenz und lebte damit vor, dass Selbstbestimmung kein theoretisches Konzept ist, sondern gelebte Realität sein kann.
Ein großes Herzensanliegen und Schwerpunkt ihres Engagement war für sie die Teilhabe an Kunst und Kultur und die Schaffung von Barrierefreiheit von Kulturstätten. Als Leiterin der Bizeps-Arbeitsgruppe Kultur „Kultur ohne Barrieren“ gelang es ihr, dass die Viennale barrierefrei besucht werden konnte. Auch das Kabarett Niedermair wurde auf Betreiben hin barrierefrei. Sie setzte auch große Impulse bei den Wiener Festwochen und trug somit zur Weiterentwicklung der Inklusion bei dieser Veranstaltungsreihe bei. Maßgeblich trug sie auch dazu bei, dass das Wiener Veranstaltungsstättegesetz verbessert wurde und nicht länger Menschen mit Behinderung vom Kulturbesuch abhielt.
Mit dem Dokumentarfilm blickBestimmung – Bilder selbstbestimmter Leben präsentierte sie 2003 den ersten barrierefreien österreichischen Dokumentarfilm mit Audiodeskription. Mit diesem Film porträtierte sie Menschen mit Behinderungen erstmals als Persönlichkeiten, die selbst über ihr Leben erzählen. Als Mitglied der Arbeitsgruppe „Behinderte Menschen in den Medien“ trug sie bereits Anfang der 90er Jahre wesentlich dazu bei, dass sich die Darstellung und die Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen im ORF verbesserte.
Von 1991 bis Dezember 2024 war sie im Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz tätig, wo sie später als Ministerialrätin und Hofrätin wirkte.
Als Mitbegründerin und langjährige Obfrau der Selbstbestimmt Leben Initiative Österreich setzte sich Bernadette mit großem Mut, Ausdauer und Menschlichkeit für die Rechte von Menschen mit Behinderungen ein. Die De-Institutionalisierung war ihr dabei ein besonderes Anliegen. Sie war überzeugt, dass echte Gleichstellung nur dort möglich ist, wo Menschen selbstbestimmt entscheiden können, wie und mit wem sie leben.
Über den Dachverband SLIÖ hinaus war sie Mitbegründerin von Selbstbestimmt Leben Wien, der WAG Assistenzgenossenschaft sowie von BIZEPS – Zentrum für selbstbestimmtes Leben. Damit hat sie Strukturen und Institutionen geschaffen, die bis heute unzähligen Menschen wichtige Anlaufstellen sind.
Um die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu sichern und weiter zu entwickeln, war sie von 2012 bis 2025 ehrenamtliches Mitglied des Unabhängigen Bundes-Monitoringausschusses zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Mit ihren Beiträgen konnte sie wichtige Impulse setzen und so manchen die Augen öffnen.
Ihr jahrzehntelanger Einsatz fand auch öffentliche Anerkennung. Für ihre großen Verdienste wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Menschlichkeit der Stadt Wien sowie dem Wundsam-Hartig-Preis.
Ihr Vermächtnis besteht nicht nur in den politischen Veränderungen, die sie tatkräftig mitgestaltet und durchgesetzt hat, sondern auch in den Menschen, die sie geprägt, ermutigt und darin bestärkt hat, die Philosophie des selbstbestimmten Lebens weiterzutragen. Ihr Engagement wird in unserer Arbeit weiterleben und uns Auftrag und Verpflichtung sein.
Bernadette Feuerstein ist am Dienstag 28. Juli 2026 im engsten Kreis ihrer Familie verstorben.
Unsere aufrichtige Anteilnahme gilt ihrem Partner, ihrer Tochter und der ganzen Familie, ihren Freundinnen und Freunden sowie allen Menschen, die ihr nahestanden.
Wir werden unsere Obfrau, Weggefährtin und gute Freundin Bernadette Feuerstein in liebevoller Erinnerung behalten und ihren Einsatz für Selbstbestimmung, Barrierefreiheit und die Rechte von Menschen mit Behinderungen in ihrem Sinne fortführen.
Der Vorstand der Selbstbestimmt Leben Initiative Österreich (SLIÖ)
Julia Golser, Klaudia Karoliny, Marlene Krubner, Dietmar Ogris, Monika Schmerold,
Claudia Vins, Katharina Zabransky.
Sowie im Namen aller Mitglieder.

